Psychotherapie in Wien

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Ängste

In “Dichtung und Wahrheit” beschreibt Johann Wolfgang von Goethe seine persönlichen Ängste und seine Selbsttherapie:

„Ein starker Schall war mir zuwider, krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu. Besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedes Mal befiel, wenn ich von der Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. (…) Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß in dem sogenannten Hals, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte (…) stehend das unendliche Land vor sich sieht. (…) Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig war, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und die Gesimse der Gebäude herlief (…), von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen.“

Wer kennt es nicht, das Gefühl, wenn plötzlich das Herz bis zum Hals schlägt, Schweiß auf die Stirn tritt und sich die Kehle zuschnürt. In vielen Situationen des täglichen Lebens ist sie plötzlich da, die Angst: Wenn man mit dem Auto auf einer spiegelglatten Straße fährt, wenn eine Prüfung kurz bevorsteht, wenn man beim Arzt auf das Ergebnis einer wichtigen Untersuchung wartet. Oder wenn man unerwartet seinen Job verliert und nicht weiß, wie es in Zukunft weitergehen soll. In vielen Situationen ist es ganz normal und sinnvoll, Angst zu haben. Denn die Angst warnt uns vor einer realen Gefahr – und sie führt dazu, dass man besonders aufmerksam und reaktionsbereit ist.

Physiologisch gesehen führt Angst zu einer Aktivierung verschiedener Körperfunktionen: Das Herz und der Atem gehen schneller, die Muskeln spannen sich an und die Sinnesorgane reagieren mit erhöhter Aufmerksamkeit. Diese Alarmreaktion des Körpers macht es möglich, schnell und effizient auf eine Gefahr zu reagieren – zum Beispiel durch Flucht oder durch den aktiven „Kampf“ gegen die Gefahr.

Nicht selten aber sind Ängste auch irrational oder übertrieben – sie treten auf, obwohl keine reale Gefahr besteht oder obwohl die Bedrohung längst nicht so groß ist wie man annimmt. Solche Ängste führen häufig zu einer starken Einschränkung im Beruf und im Privatleben. Zum Beispiel kann die Angst vor U-Bahnen, Tunneln oder Flugzeugen dazu führen, dass jemand diesen Situationen aus dem Weg geht und dadurch immer mehr in seiner Beweglichkeit eingeschränkt wird. Wenn sich jemand ständig Sorgen macht, dass ihm selbst oder seinen Angehörigen etwas zustoßen könnte, bleibt ihm für andere Dinge kaum noch Zeit. Dazu kommt, dass Angst häufig mit körperlichen Beschwerden wie Herzrasen, Schwindelgefühlen, Übelkeit oder Atemnot verbunden ist, die sehr belastend sein können. Jemand, der von solchen ausgeprägten Ängsten betroffen ist, erkennt zwar meist selbst, dass die Angst unbegründet oder übertrieben ist – er kann sich jedoch nicht selbst daraus befreien. 

Wann spricht man von einer Angststörung?

Der Übergang von leichten oder nur gelegentlich auftretenden Ängsten zu einer schwerer ausgeprägten Angststörung ist fließend. Leichte bis mittelgradige Ängste treten häufig auf und beeinträchtigen das alltägliche Leben nur wenig. In vielen Fällen gelingt es den Betroffenen, die Ängste selbst in den Griff bekommen. Von einer Angststörung spricht man dagegen dann, wenn zwei Kriterien erfüllt sind:

  • Die Angst ist im Vergleich zur tatsächlichen Bedrohung unangemessen oder deutlich übertrieben.
  • Der oder die Betroffene ist durch die Angst erheblich psychisch und körperlich belastet. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn:
  • die Angst sehr stark ausgeprägt ist, über lange Zeit anhält und mit ausgeprägten körperlichen Symptomen verbunden ist und /oder     
  • zu starken Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen führt.

Der englische Psychiater und Verhaltenstherapeut Marks beschreibt in seinem Buch „Ängste. Verstehen und bewältigen“ die körperlichen Angstreaktionen derart:

„Starke Angst verursacht unangenehme subjektive Gefühle der Erregung, Herzklopfen, Muskelspannung, Zittern, Schreck- oder Alarmreaktion, ein Gefühl der Trockenheit und des ‚Zusammengeschnürtseins’ in Mund und Rachen, Beklemmung in der Brust, das Gefühl, daß der Magen sich senkt, Übelkeit, Verzweiflung, Harn- und Stuhldrang, Gereiztheit und Angriffslust, starkes Verlangen zu weinen, davonzulaufen oder sich zu verstecken, Atemnot, Prickeln in Händen und Füßen, Gefühle der Unwirklichkeit oder des Weit-entfernt-Seins, ohnmächtig zu werden und umzufallen. Wenn Angst lange Zeit andauert, werden selbst gesunde Menschen müde, deprimiert, langsamer, ruhelos und verlieren ihren Appetit. Sie können nicht schlafen, haben schlechte Träume und vermeiden alle furchterregenden Situationen.“

Der Stressforscher Selye beschrieb eine unspezifische Alarmreaktion des Körpers in akuten Belastungssituationen, die auch bei plötzlicher Angst auftritt. Diese Aktivierung wird „Notfallreaktion“ oder „Bereitstellungsreaktion“ genannt. Angstzustände bewirken eine Alarmreaktion des Körpers zur Vorbereitung auf Kampf oder Flucht, dienen also der Vorbereitung des Körpers auf schnelles Handeln. Die Herztätigkeit und die Atmung werden beschleunigt, die Durchblutung verstärkt und die Muskeln angespannt, um der Gefahr möglichst schnell zu entkommen. Eine derartige Alarmierung in Ruhe ohne äußere Bedrohung wird als unangenehm erlebt.

Bei akuten Gefahren (z.B. Straßenverkehr, Bedrohung im Rahmen von Überfällen, Gefährdung von Angehörigen oder Bekannten) ermöglicht Angst eine automatische, unbewusste, schnelle Alarmreaktion zur Sicherung von Leib und Leben, während bei Einschaltung der höheren geistigen Funktionen (Nachdenken, ob wirklich eine Gefahr besteht) die Reaktionsgeschwindigkeit derart verlangsamt würde, dass unweigerlich bereits nicht mehr gutzumachender Schaden entstehen könnte.

Die Angst ist eine Kraft

„Die Angst ist eine Kraft“, wie Butollo  in seinem gleichnamigen Buch feststellt. Sie treibt uns an zur Bewältigung von realen Bedrohungen und dient damit der Reifung der Persönlichkeit ebenso wie der Beseitigung angsterregender gesellschaftlicher Entwicklungen (Atomkrieg, Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Erde, Beeinträchtigung des Erbgutes u.a.). Angst als Alarmreaktion in bestimmten Situationen (Prüfungssituationen, neue oder schwierige Aufgabenstellungen, Autofahren, Bergsteigen usw.) erhöht die generelle Aufmerksamkeit als Schutzmechanismus zur Bewahrung vor Fehlern.

Angst mittleren Ausmaßes verstärkt unsere Anstrengungen in Leistungssituationen und kann durchaus ein wichtiger Antrieb in unserem Leben sein. Ein wenig Angst zu haben, ist somit förderlich für die menschliche Entwicklung und Leistungsmotivation. Während ein dosiertes Angstausmaß die Aufmerksamkeit, Wachheit, intellektuelle und motorische Leistungsbereitschaft erhöht, führen übermäßige Ängste zur Beeinträchtigung des Denkens, der Konzentration und des Verhaltens bis hin zur totalen Angstblockade oder bewirken eine panische Kurzschlussreaktion. 

Der Zusammenhang zwischen Angst und Leistung entspricht einer Kurve: zu wenig Angst macht uns sorglos und antriebslos, zu viel Angst macht uns ungeschickt, gehemmt und gelähmt, während uns ein mittleres Angstausmaß zu Höchstleistungen motiviert und aktiviert. Ein mittleres Ausmaß an Erregung zur optimalen Leistungsfähigkeit ist in der Psychologie bekannt.

Der Schriftsteller Max Frisch drückt den Zusammenhang von Lebensangst und Lebensfreude folgendermaßen aus:

„Es gibt kein Leben ohne Angst vor dem andern; schon weil es ohne diese Angst, die unsere Tiefe ist, kein Leben gibt; erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, daß wir leben. Man freut sich seiner Muskeln, man freut sich, daß man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unserm dunklen Auge spiegelt, man freut sich seiner Haut und Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weiß mit jedem Atemzug, daß alles, was ist, eine Gnade ist. Ohne dieses spiegelnde Wachbewußtsein, das nur aus Angst möglich ist, wären wir verloren; wir wären nie gewesen.“

Angst als Stresssymptom

Jeder Mensch erlebt irgendwann einmal eine Phase großer körperlicher oder seelischer Belastung. Jeder kennt Stress, doch jeder reagiert anders darauf. Herz-Kreislauf-Probleme, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Schlafstörungen, Alkoholmissbrauch u.a. können Folge einer stressbedingten Überforderung sein. Auch Angstzustände sind oft ein Signal des Organismus, dass die aktuellen Belastungen zu groß geworden sind.

Panikattacken scheinen wie aus heiterem Himmel zu kommen, lassen sich jedoch bei näherer Betrachtung häufig als explosionsartige Entladung bei einer Fülle von aufgestauten Problemen verstehen. Nicht selten stellt die erste Panikattacke eher einen unterdrückten „Wutanfall“ dar als einen „Angstanfall“ oder einen plötzlichen Spannungsabfall nach einer massiven Stressphase. Die Angst trifft oft erst als Reaktion auf die unerklärlich erscheinenden körperlichen Symptome auf. 

Die in zunehmendem Ausmaß diagnostizierte Panikstörung nach Ausschluss organischer Ursachen ist oft nur die Spitze eines Eisbergs. Viele Betroffene sind psychisch und sozial noch nicht „gesund“, wenn die Panikattacken weg sind, sondern erst dann, wenn die anstehenden Probleme gelöst sind. Eine sich verselbstständigende Paniksymptomatik konnte nur eine Zeitlang von der zugrunde liegenden Problematik ablenken.